DIE GIPSY STORY
Ein Feuerwehrauto berichtet:

Geboren wurde ich 1963 in Birmingham in England. Die große
Austin-Familie wählte für mich den Namen Gipsy aus, was
soviel wie Zigeuner heißt. Und ein Zigeunerleben sollte ich auch
führen, aber dazu später. Vorerst meine Daten:
Größe: 4,16 m
Gewicht: 2.170,00 Kilo
Leistung: 69 PS
Motor: 4 Zylinder, 2,2 Lister, Beziner, Allrad
Es war wohl der schiere Zufall, dass gerade ich mit der Nummer
12161 nicht ein stinklangweiliges Autoleben führen sollte,
sondern ausgewählt wurde, ein Feuerwehrauto zu werden. Eine
Bestellung aus Österreich traf ein, und so wurde ich über den
Kanal gebracht. Die erste Station war Linz, wo ich verzollt wurde.
Ehrlich gesagt, die Menschen in ihren grauen Uniformen waren
sehr sachlich, und die Bleipunze die sie an mir anbrachten, gefiel
mir überhaupt nicht.
Da war der Empfang im „Kleinen Autohaus“ in Salzburg, meiner
zweiten Station schon viel herzlicher. Ich war auch ein kostbares
Stück und mein Importeur, die Firma Völkl, ließ mich auf
100.000,00 Schilling versichern!
Aber schon bald ging es weiter nach Voralberg zur Firma
Haberkonr, wo ich zu einem tollen Feuerwehrauto umgebaut
wurde. Ich bekam die neueste Vorbaupumpe, eine stabile
Dachreeling und eine praktische Innenausstattung. Allein dieser
Umbau kostete 30.000,00 Schilling. Da nur noch zwei meiner
Brüder für die Feuerwehren in Salla und Ratten umgebaut
wurden, blieben wir ein sehr seltenes und treues Trio.
In der Zwischenzeit wurde in meinem Bestimmungsort
Obergroßau in der Steiermark eifrig gespart und gesammelt, um
mich bezahlen zu können.
Im Voranschlag der Freiwilligen Feuerwehr Obergroßau
wurden im Jahr 1962 30.000,00 Schilling an Rücklagen für das
neue Rüstauto ausgewiesen. 3.745,00 Schillinge brachte die
Feuerwehrsammlung vom 16.02.1963 auf. Die Steiermärkische
Landesregierung gewährte am 02.04.1963 eine Beihilfe von
3.000,00 Schillinge. Ich habe schon gespürt, dass es nicht
einfach war, für ein kleines Dorf, einen so hohen Gelbetrag
aufzubringen. Aber mein Vorgänger, ein englischer Humber aus
dem Jahre 1943 hatte einfach ausgedient.
Zwischen 1962 und 1963 gab es überhaupt kein Feuerwehrauto.
Es wurde mit den privaten Traktoren ausgefahren. Daher
wurde ich von den damals 16 aktiven Feuerwehrmännern unter
Hauptmann Engelbert Purkarthofer sehnlichst erwartet.

Am 21.10.1963 wurde ich erstmalig als „einsatzbereit“ erwähnt.
Alles an mir war neu, nur die alte Tragkraftspritze RA 60 von
1934 wurde wieder verwendet.
An meinen Einweihungsfest mit der ganzen Dorfbevölkerung
kann ich mich noch gut erinnern. Es war ein festlicher Tag
mit Reden, Essen und Trinken, Musik und Tanz. Besonders
bestaunt wurde ich, weil ich ein Allradfahrzeug war. Ich war
eben ein seltenes geländegängiges Auto! Auf meine ganz große
Bewährungsprobe musste ich noch beinahe ein Jahr warten –
auf den ersten Brandeinsatz.
Doch dann plötzlich war es soweit. Am 05.07.1964 um 06:30 Uhr
traf ich mit sieben Mann und voller Ausrüstung beim Brandherd
ein und konnte so erstmalig entscheidend mithelfen, noch
größeren Schaden zu verhindern. Das ist schon ein erhebendes
Gefühl!
Wenn ich aber an den Brandbericht meines ersten Einsatzes
denke, muss ich heute noch schmunzeln. Da hieß es nämlich:
„… als die Freiwillige Feuerwehr von Obergroßau eintraf, sah sie
beim rückwärtigen Teil der Hütte bereits Flammen herauslodern.
Frau X saß zu dieser Zeit in dem, in dieser Hütte, an der
Vorderseite angebauten Abort. Sie soll sich längerer Zeit lesend
im Abort aufgehalten haben, weshalb sie den Ausbruch des
Brandes nicht wahrgenommen habe. Als sie dann aber „Feuer“
schrie, war es schon zu spät. Die Feuerwehr konnte zwar
ein Übergreifen des Brandes auf das Wohnhaus verhindern,
vom Brandobjekt samt Inventar kann aber lediglich etwa 1 fm
Scheiterbrennholz als verwendbar bezeichnet werden …“
Wie viele Einsätze ich in meinem 36-jährigen Feuerwehrleben
mitgemacht habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr.
In den Jahren 1984, 1986 und 1988 musste ich zur
„Gesundenuntersuchung“, das heißt, ich wurde behördlich auf
mein Fahrtüchtigkeit überprüft.
Mit der Zeit bin ich doch ein wenig altersschwach geworden.
Mein letzter Einsatz war dann im Jahre 1998 und ob meines
kränklichen Zustandes, wäre ich reif für die Schrottpresse
gewesen. Aber ich war eben ein Glücksauto und so kam es
ganz anders.
Das Team um HBI Franz Bertsch kam nämlich auf die Idee,
mich wegen meines Seltenheitswertes zu versteigern.
Das munterte mich wieder auf. Ich war eine Rarität und sollte am
06.06.1999 im Zuge eines Feuerwehroldtimertreffens versteigert
werden. Mein Ausrufspreis 30.000,00 Schilling. Und dann kam
der entscheidende Tag. Es war ein herrlicher Sonntag, und ich
wurde etwas erhöht auf der Festwiese positioniert.

Am Vortag hatte man bei mir noch ausgiebig Oberlächenkosmetik betrieben, und nun beobachtete ich aufgeregt, was da auf mich zu kommen sollte. Da bemerke ich so gegen Mittag einen Hochradfahrer. Der Typ hatte einen breiten Strohhut, Sonnenbrillen und eine kurze Radlerhose an. Er kam auf mich zu und betrachtete mich fast liebevoll und ich spürte, der will mich. Ich sollte Recht behalten! Bei der Versteigerung ließ er nicht locker und beim Preis von 61.000,00 Schilling zog er als Zeichen seiner Zustimmung letztmalig seinen Hut. Ich hatte einen neuen Platz gefunden! Mein neuer Besitzer, Ing. Manfred Glettler, brachte mich nach Altenmark bei Fürstenfeld. Es war und ist meine 5. Lebensstation. Dort traf er schon bald Vorbereitungen für meine gründliche Restaurierung, die 220 Stunden in Anspruch nehmen wird. Als
erstes wurden meine maroden Bremsen in Ordnung gebracht, dann meine Roststellen beseitigt, der Unterbodenschutz erneuert
und meine Lackierung ausgebessert. Schließlich gab es für mich auch ein komplettes Facelifting. Mein neuer Besitzer machte
mich einfach rund herum schön und einsatzfähig. Dafür machte er nochmals 47.000,00 Schilling
locker. Ein echter Liebhaber, der mich im neuen Glanz erstrahlen lässt und ich fühle mich in der Rolle als des Feuerwehroldtimers so
richtig wohl. Gelegentlich komme ich zu Veranstaltungen und berichte den modernen Menschen und neuzeitlichen Feuerwehrautos
… wie es früher einmal war …!
Was aber ist aus meinen Zwillingsbrüdern geworden? Hatten sie auch so viel Glück wie ich? Leider nein! Sie rosten still vor sich hin, lebende Leichen sozusagen. Aber vielleicht erweckt sie auch noch jemand vom

Dornröschenschlaf!
Ing. Manfred Glettl